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HellenbartErlebnisse und Erkenntnisse in der Wahlheimat

 

Festrede zur 100-Jahr-Feier der Vereinigung der Hamburger Ungarn

am 14. November 2008

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wenn eine wie auch immer geartete Organisation ihr Centenarium feiert, steht ihre Geschichte logischerweise im Mittelpunkt des Programms. Entsprechend haben wir uns bemüht, die Vergangenheit unserer Vereinigung, so gut es ging, zu rekonstruieren. Wir gingen zunächst von einer uns überlieferten Geschichte aus, die besagt, dass die Vereinigung von jenen auswanderungswilligen Landsleuten gegründet wurde, die nur bis Hamburg gekommen sind und hier dann entweder das Schiff verpassten oder es sich anders überlegten, indem sie sagten, hier ließe es sich auch leben. Als wir uns aber sowohl in der Ballinstadt wie auch in den Archiven der Hansestadt umsahen, erkannten wir die Unhaltbarkeit der überlieferten Geschichte, die freilich gar keine Geschichte, sondern nur eine witzige Mutmaßung ist.

  Schon zu Beginn unserer Recherchen fanden wir in einer 100 Jahre alten Mappe des „hochlöblichen Polizeiamtes“, eine Liste, die Namen und Adressen von 49 in Hamburg ansässigen Mitgliedern der Vereinigung enthält.Bei diesen am Jungfernstieg, an der Grindelallee, am Großen Burstah usw., also in der Innenstadt, wohnenden Damen und Herren, die im Restaurant „Börsenhof“ ihre Versammlungen abhielten, handelte es sich wohl kaum um Auswanderungswillige im üblichen Sinne. Letztere wohnten nämlich in den Baracken des von Hapag-Lloyd eingerichteten Quarantäne-Lagers, löffelten, auf langen Bänken eng neben- einander sitzend, ihr Eintopfgericht, schliefen in zweistöckigen Betten und warteten darauf, dass man sie zur gegebenen Stunde in den Hafen verfrachtet. (Das Lager ist heute Museum und trägt den Namen des berühmten Hamburger Reeders und Hapag Lloyd-Eigners Alfred Ballin.)

   In den erwähnten Mappen fanden wir ansonsten nur einige rein formale Versammlungs- protokolle, die man der Polizeibehörde pflichtgemäß einreichte und die keinerlei Hinweise auf das Innenleben der Vereinigung enthielten. Da aber eine detaillierte Schilderung von hundert Jahren Vereinsleben hier und heute ohnehin wenig sinnvoll wäre, bot sich als Alter- native die Erweiterung des Themas auf allgemeinere Aspekte des Exildaseins an. Eine Erwei- terung eben auf Erlebnisse und Erkenntnisse in der Wahlheimat, was oftmals eine individuelle Schilderung verlangt. So werde ich, meine Damen und Herren, Ihr Einverständnis voraussetzend, streckenweise in der ersten Person reden.

   „Wer das Exil kennt, hat manche Lebensantwort erlernt, und noch mehr Lebensfragen“, schrieb der österreichische Schriftsteller Jean Améry und das gilt natürlich auch für uns, die wir seit langem hier leben und weitgehend akklimatisiert sind. Denn besonders anfangs, als der Verlust der heimatlichen Selbstverständlichkeiten den Boden unter uns gehörig schwanken ließ, mussten wir so manche Lektion lernen. Immerhin profitierten wir davon. Zunächst erlernten wir –  wenn auch widerstrebend –  eben die fremden Selbstverständlichkeiten, zugleich aber auch die deutsche Sprache, die alte „lingua franca“ der Donauländer, die uns zugleich ganz Europa näher brachte und auch noch unverhofft Freude bereitete. (Mit uns meine ich junge Leute mit mittlerer oder höherer Schulbildung, die einen beträchtlichen Teil der Flüchtlinge ausmachten.) Das ständige Lernen von Morgen bis Abend, in allen Lebenslagen, wo uns vieles einfach zuflog, brachte relativ schnell Erfolge. Und eben auch Spaß. Viel Vergnügen bereiteten uns z.B. den zahlreichen treffenden metaphorischen Ausdrücke wie etwa Durststrecke, Milchmädchenrechnung oder innerer Schweinehund.

   Wenden wir uns aber erst einmal den vergilbten Akten der hochlöblichen Behörde zu. Aus denen geht immerhin hervor, dass vor genau hundert Jahren der k.u.k. Kämmerer Hugo Graf Logothetti, der Generalkonsul Österreich-Ungarns in Hamburg und zugleich auch der Vorsitzende des Ungarnvereins war. Sein Amtsitz  befand sich übrigens im Hause Schlüter- straße 2. Dem Österreichischen Biographischen Lexikon entnehmen wir, dass er im sieben- bürgischen Kolozsvár (Klausenburg) in eine adelige Familie geboren wurde, eine vorzügliche akademische Ausbildung genoss und die Laufbahn eines Berufsdiplomaten einschlug. Bevor er nach Hamburg kam, leitete er in Mailand und Barcelona das Konsulat der Donaumonarchie und anschließend tat er das in Tunis. Später, im Ersten Weltkrieg, bekleidete er dieses Amt in Teheran, wo er 1918, erst 52jährig, durch Vergiftung starb. Aus privaten bzw. halbprivaten Quellen erfuhren wir, dass von gegnerischer Seite mehrere Attentate auf ihn verübt worden waren, genauer: dass ihn, den allzu tüchtigen Feind, höchstwahrscheinlich der britische Geheimdienst aus dem Weg geräumt hat.

   Schon unter seiner Präsidentschaft wurde der Verein vom Patentanwalt Gusztáv Weber administrativ geleitet. In einem Zeitungsausschnitt unbekannter Herkunft aus dem Jahr 1931 lesen wir, dass der wackere Jurist damals bereits seit 37 Jahren ununterbrochen Vorsitzende des Vereins gewesen sei. Das passt nicht zu den im Archiv gefundenen Jahreszahlen. Wahrscheinlich stand Weber schon der Vorläuferorganisation, dem Österreichisch-Ungarischen Verein vor. Eine weitere, bislang allerdings kaum genutzte Quelle ist für uns der schriftliche Nachlass der 1991 verstorbenen Frau Gräfin Wass, geborene Siemers, die dem Vorstand unseres Vereins angehörte. Sie war ein Spross der berühmten Hamburger Patri- zierfamilie, ihre Mutter stammte aber aus dem siebenbürgischen Adelsgeschlecht Wass. Während des Zweiten Weltkrieges lernte sie ihren gerade in Hamburg weilenden Cousin, den ungarischen Schriftsteller Albert Graf Wass kennen und heiratete ihn bald darauf. Aus ihren Aufzeichnungen geht hervor, dass der Verein in den zwanziger und dreißiger Jahren im Curiohaus rauschende Feste feierte. Hier müssen wir erwähnen, was mancher Pressemeldung aus jener Zeit zu entnehmen ist, nämlich, dass beim Empfang ungarischer Notabilitäten in Hamburg jeweils auch Vertreter des Vereins anwesend waren, so etwa als der ungarische Kultusminister Bálint Hóman in Begleitung seines Staatssekretärs Kálmán Szily die Hansestadt besuchte. Der Staatssekretär war, nebenbei gesagt, der Großvater unseres ehemaligen Vorsitzenden, der Ihnen soeben ein Gedicht vorgetragen hat.

   Mehr können wir von der zweiten Hälfte der hundertjährigen Vereinsgeschichte erzählen, stellt doch dieser Zeitraum für viele von uns schon erlebte Geschichte dar. Diese Periode beginnt mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, das viele ungarische Flüchtlinge nach Deutschland führte. Diese Menschen kamen nur teilweise aus eigenem Antrieb, viele waren Soldaten und Beamte, die einfach nach Deutschland versetzt wurden, weil das mit dem „Dritten Reich“ verbündete Ungarn von der Sowjetarmee nach und nach eingenommen wurde. Sie sollten nachdem erhofften Endsieg wieder zurückkehren. Mangels eines solchen Endsieges blieben aber viele von ihnen hier, in diesem besiegten, zerbombten und geteilten Land, das zugleich auch Millionen von deutschen Flüchtlingen aufnehmen musste. Ohne deutsche Sprachkenntnisse, sehr oft auch ohne einen brauchbaren Beruf, mussten diese Menschen, unter ihnen auch manche ehemals (nicht unbedingt wegen ihrer Leistung) höher gestellte Herrschaften, ihr Brot bisweilen mit „niederer“ körperlicher Arbeit in Landwirt- schaft und Industrie erwerben. (Ein geflügeltes Wort besagte damals: „In der Emigration sinkt jeder auf sein eigenes Niveau hinab“.)

   Gänzlich anders war die Lage jener Flüchtlinge, die nach der Niederschlagung des Auf- standes von 1956 in großer Zahl nach Deutschland kamen. Sie alle kamen freiwillig und wurden überaus freundlich empfangen. Und das in einem wohlhabenden Land, in dem das Wort „Wirtschaftswunder“ bereits seine Runden machte und, was noch wichtiger ist, gerade selber dabei war, die Demokratie zu lernen. Da ich nun selber zu dieser Flüchtlingswelle gehörte und glücklicherweise sehr schnell in Deutschland ankam  – nur eine Nacht verbrachte ich auf dem Fußboden liegend in einer von den Russen erst kurz zuvor verlassenen und noch nicht gesäuberten Kaserne –  erlaube ich mir für eine Weile autobiographisch zu werden. Dabei gehe ich bis zur eigentlichen Flucht, der Überquerung der österreichischen Grenze Ende November 1956 zurück.

   Während ich, mitten in einer Flühtlingsgruppe, keuchend und schwitzend einen Acker überquerte, hatte ich nur eine vage Vorstellung von dem, was mich in jener Welt erwartet, deren Lockungen ich nun in der abendlichen Finsternis folgte. Dass dort, hinter der fernen Straßenlaterne, die uns Flüchtlingen vom östlichen Rand eines burgenländischen Grenzdorfes entgegenleuchtete, jenes große Territorium begann, das gelehrte Ökonomen den historischen Schauplatz der ursprünglichen Akkumulation nennen, davon hatte ich keine Ahnung. Dabei ist dieser wirtschaftsgeschichtliche Prozess (vulgo die Geburt des Kapitals) der wohl wichtigste Grund für jenen vieldiskutierten Unterschied, der den europäischen Westen seit Jahrhunderten so folgenreich und auch schmerzlich vom Osten trennt und nun auch mich in das Abenteuer der Emigration trieb. Ich hatte aber, wie gesagt, keine Ahnung davon, da klaffte bei mir das, was die Deutschen, wie ich bald erfahren sollte, eine Bildungslücke nennen. Auch ein interessantes, ja ein sympathisches Wort: Es benennt einen Mangel, verzeiht ihn aber zugleich. So empfinde ich es jedenfalls.

   An der Grenze angekommen füllte ich das mitgebrachte kleine Glasgefäß mit einigen Krü- meln Heimaterde, so wie ich es, noch als Kind, in einer romantischen Filmszene gesehen hatte, wo ein fliehender Kosaken-Hauptmann anno 19 diese Handlung mit der für ihn heiligen russischen Erde vollzog.

   Kurze Zeit später, unter der genannten Laterne angekommen und von den bereits wartenden Maltesern und anderen Helfern empfangen, hätte ich laut ausrufen können: Incipit vita nova! Es beginnt ein neues Leben… Diesen Satz, den bekanntlich Dante beim ersten Anblick von Beatrice sagte und der später in der europäischen Literatur Karriere machte, konnte ich erst viel, viel später, dann aber mit umso größerer Überzeugung, auf meinen Fall anwenden. Dies geschah, als ich, nunmehr als deutscher Ruheständler, rückblickend mein Leben bilanzierte und dabei immer wieder auf diese epochale Stunde im Burgenland zurückverwiesen wurde.     

   Überall in Europa wurden wir sehr freundlich aufgenommen, am freundlichsten wohl in Deutschland, in dessen östlichen Hälfte erst drei Jahre zuvor etwas Ähnliches geschah wie in den letzten Wochen in Ungarn. Behörden und Privatleute überboten sich geradezu mit Hilfsaktionen und dem Spenden aller möglichen Güter. Wenn etwa eine Kolonne von zumeist jungen Flüchtlingen vom Bahnhof zur schnell vorbereiteten Unterkunft marschierte, wurde sie von den zuschauenden Einheimischen oft mit Schokolade und Apfelsinen regelrecht beworfen. Und beim Quartier angekommen, wurde sie sogar von einem ranghohen Vertreter der lokalen Behörden, womöglich vom Bürgermeister selbst, mit einer Begrüßungsrede empfangen. Die Gruppe, zu der ich gehörte, wurde in der Passauer Nibelungenhalle  – mit zweihundert Luftmatratzen und Decken rechtzeitig ausgerüstet – vom bayerischen Innenminister persönlich begrüßt. Gedolmetscht hat ein alter ungarischer Emigrant aus der Stadt.

   Die Sympathie war übrigens gegenseitig. Ein nach Frankreich emigrierter ungarischer Autor erzählt in seiner Autobiographie, dass aus jenem Flüchtlingstransport, der zu Beginn des großen Exodus, nach dem Durchqueren der Bundesrepublik im Bahnhof von Nancy eintraf, etliche der jungen Leute den Zug panikartig verließen. Als sie nämlich erfuhren, dass man sie nach Frankreich gebracht hatte, liefen sie Hals über Kopf zurück, d.h. in Richtung Deutsch- land. Eine Flucht in der Flucht. Von Frankreich wusste man nämlich herzlich wenig, außer dass es dort eine starke kommunistische Partei gab, deren wackere kremltreue Führer, die Genossen Thorez und Duclos, in den ungarischen Medien weit über ihre politische Bedeutung hinausgehend zitiert und gelobt wurden. Man wollte viel lieber in das Land Konrad Adenauers gehen.

   In Januar 1961, vier Jahre nach den „Ereignissen“ erschien in der Wochenend-Beilage der Tageszeitung DIE WELT ein ganzseitiger Bericht, in dem der aus Ungarn geflohene Verfas- ser seine Erlebnisse in Deutschland schildert. Er erzählt u.a., wie er, acht Tage nach der Flucht, von einem engagierten deutschen Unternehmer gesponsert, durch das Rheintal fuhr, um durch seine privaten Verbindungen sich und anderen Flüchtlingen Arbeitsplätze zu beschaffen. Diese Fahrt, so lesen wir da, sei seine erste eigentliche Begegnung mit Deutschland gewesen. Ich zitiere: „Die Blicke, die sich vom Fenster des Eisenbahnwagens aus boten, waren für mich, den Ostflüchtling, einfach faszinierend. Zu den aparten Natur- schönheiten des Tales, der historischen  Atmosphäre der romantischen Felsenburgen und alter Städte gesellen sich hier in harmonischer Komposition die Zeichen einer hochentwickelten Technik; auf beiden Seiten des Flusses dichtbefahrene, gepflegte Autostraßen, elektrifizierte Eisenbahnlinien mit nacheinander rasenden farbigen Zügen, auf dem Fluss selbst ganze Flotten von bunt beflaggten, mit Gütern vollbeladenen Schiffen. Die Natur, die Geschichte und die Zivilisation liefern hier ein überwältigendes Panorama.“ Soweit das Zitat. Unser Flüchtling hatte zweifellos Glück, dass er sozusagen gleich die „Schokoladenseite“ Deutsch- lands und zugleich die späten Segnungen der ursprünglichen Akkumulation so deutlich zu sehen bekam. In seinem Bericht schildert er freilich auch herbere Erlebnisse, dennoch erhielt er zahlreiche ausschließlich positive Leserzuschriften.

   Es gab also herbe Erlebnisse, die im Exil niemandem erspart bleiben. Von solchen können vor allem junge Arbeiter mit bescheidener Schulbildung ein Lied singen, besonders wenn sie allein, ohne Freunde nach Deutschland kamen und keinen Anschluss bei hier lebenden Landsleuten fanden. Selbst wenn nur wenig spektakuläre Fälle von Kriminalität der Flüchtlinge bekannt wurden, hörte man doch dies und jenes von Menschen, die mit Depressionen zu kämpfen hatten und im Alkohol Trost suchten.Überwiegend junge Arbeiter mit bescheidener Schulbildung waren aber auch diejenigen, die kurz zuvor in den Straßen von Budapest gekämpft hatten. Reihenweise hatten sie ihr Leben gelassen, und einige Dutzend wurden später noch von Kádár an den Galgen geschickt. Ihnen allein haben wir den Ruhm dieses Aufstandes und die große Sympathie, die uns im Westen entgegengebracht wurde, zu verdanken.

   Ich darf jetzt kurz über meine ersten sprachlichen Erlebnisse in Köln-Weidenpesch berich- ten. Anfang Dezember fand ich bei den Ford-Werken eine Anstellung als Chemiker, und als ich mein erstes Gehalt bekommen hatte (Bargeld in brauner Papiertüte!), konnte ich endlich meine Zimmermiete bezahlen, die meine Wirtin, eine nette, immer adrett gekleidete Dame um die Fünfzig, mir bis dahin freundlicherweise gestundet hatte. So nahm ich die Gelegenheit des freien Samstags –  dieser wunderbaren, für uns Flüchtlinge völlig neuen abendländischen Errungenschaft –  wahr und sprach sie am Vormittag an. „Frau Hübgen, ich möchte meine Miete bezahlen!“ Sie antwortete mit sanfter Stimme: „Das ist aber nett von Sie…“ Beinahe hätte ich sie korrigiert, denn nach fünf Jahren gymnasialen Deutsch-Unterricht empfand ich diesen Satz als eine horrende Entgleisung, aber ich nahm ihn dann vorsichtshalber doch ohne Wimperzucken hin. Wenige Tage später folgte, in denselben vier Wänden, ein weiteres philo- logisches Erlebnis: Ich nahm ein Exemplar jener Zeitung in die Hand, die der Hausherr und Ehemann der Zimmerwirtin offenbar abonnierte, denn es gab in der Küche einen ganzen Sta- pel davon. Das Blatt trug den Titel „Der Ring“ und nannte sich im Untertitel das „Organ der ehemaligen Internierten und Entnazifizierungsgeschädigten“…

   Dieser letztere Ausdruck fiel mir schon damals auf. Eine höchst bemerkenswerte Wort- bildung  – mal vom Inhalt abgesehen. So viele Informationen zu einem einzigen Wort komprimiert!  Andere Sprachen müssen wohl einen kompletten Satz, oder gar zwei bilden, um seine Bedeutung zu wiedergeben!

   Andere philologische und semantische Aha-Erlebnisse folgten dann Tag für Tag. Beim Sprachenlernen halfen mir übrigens manche ostdeutsche, genauer sächsische „Zonenflücht- linge“, die bei Ford arbeiteten und in mir gewissermaßen einen Schicksalsgenossen sahen, waren sie doch vor demselben Sowjetsystem geflohen und hatten in Köln dieselben Anpassungs-Schwierigkeiten wie ich.

   Der spannende Umgang mit der Sprache steigerte mein altes Interesse für Literatur und Philosophie, das von dem im stalinistischen Ungarn halbherzig gewählten Chemie-Abend- studium unterdrückt wurde. Nun kam es allmählich wieder an die Oberfläche. Inzwischen war ich allerdings schon in Hamburg, arbeitete bei der Deutschen Shell AG an der Hohen Schar, lernte u.a. das Wort Spinner kennen (das ich in Köln nie zu hören bekam), machte die extrem folgenreiche Bekanntschaft einer 21jährigen Cuxhavenerin, hängte dann meinen Beruf an den Nagel und wurde Student der Philosophie.

   Und kam auch in Berührung mit der Vereinigung der Hamburger Ungarn.

   Sie veranstaltete ihre Zusammenkünfte im Haus der Begegnung in der Agnesstraße 44, einer eleganten Jugendstil-Villa, die das Free Europe Committee osteuropäischen Flüchtlingen zur Verfügung stellte. Sie war mit ihrer einladenden Atmosphäre für alle, die mit der Fremdheit ihrer neuen Umwelt kämpften, ein gern besuchter Ort. Außerhalb des Vereins gab es zwei Gruppierungen: eine protestantische um die Gräfin Wass und eine katholische um den Geistlichen István Czódor, der 1962 die mit Räumlichkeiten großzügig ausgestattete St.Bernard-Pfarrei in Poppenbüttel übernahm und dort monatlich ungarische Messen celebrierte. Ich ging nur selten in diese Gruppen, so wie auch manch anderer Flüchtling, man wollte nicht mit „Berufsemigranten“ zu tun haben, die damals in den Vereinen zweifellos als nützliche Ratgeber auftraten, aber deren politische Ansichten und ihre Redeweise uns Neuen fremd waren.

   Es gab überall in der Welt politisch-weltanschauliche Reibereien zwischen den Anhängern des einstigen monarchistisch-konservativen Ungarns und den jugendlichen, zukunftsorien- tierten Aufständischen. Für die alten war die Zeit 1945 einfach stehengeblieben. Viele von denen, die in der letzten Phase und am Ende des Krieges nach Nazi-Deutschland emigrierten, neigten dazu, alle zu Hause gebliebenen Landsleute „Bolschewisten“ zu nennen. Und während die neuen Flüchtlinge Imre Nagy als den Helden –  und später den Märtyrer –  des Aufstands verehrten, war er in den Augen der alten Emigranten nichts weiter als ein hundsgemeiner Kommunist. In der Agnesstraße spielten solche Auseinandersetzungen dennoch keine große Rolle, wohl deshalb, weil sich die beiden Gruppen einander aus dem Weg gingen. Man hatte eben andere Probleme, selbst wenn die Behörden und die Universität der Hansestadt das Flüchtlingsproblem vorbildlich gemanagt haben.

   Es gab auch sehr viel für sie zu tun. Nach 1956 befand sich plötzlich eine große Anzahl von ungarischen Studenten an der Universität, und die Stadt versorgte sie nicht nur mit Büchern, sondern baute für sie aus den reichlich fließenden Spenden des Roten Kreuzes auch ein komplettes vierstöckiges Studentenheim in der Bieberstraße. Die Uni muste indes selbst für den dringend notwendigen Deutschunterricht sorgen. Hier half entscheidend das persönliche Engagement von Professor Paul Johansen, dem Hamburger Nordeuropa-Historiker, der ohnehin ein Seminar für die finnisch-ugrische Sprachwissenschaft gründen wollte. Er nutzte nun die Gelegenheit und stampfte in kurzer Zeit das neue Seminar aus dem Boden, in dem dann der Deutschunterricht stattfinden konnte. Bald erweiterte sich aber das Programm, als ein ungarischer Privatdozent, der 37 Jahre alte Gyula Décsy aus Göttingen als Seminarleiter nach Hamburg geholt wurde.

   Décsy war auch nach dem Aufstand emigriert und durch seine Berufung auf diesen Posten sollte den mehrheitlich Medizin und Wirtschaftswissenschaft studierenden jungen Ungarn sozusagen eine geisteswissenschaftliche Kontaktstelle etabliert werden, damit sie ihre natio- nale Bildungstradition auch pflegen konnten. Dies hat ja auch funktioniert und es dauerte nicht lange, bis der Plan der jungen Flüchtlingsakademiker entstand, das kraftlos dahinvege- tierende kulturelle Leben des Vereins in Schwung zu bringen und zu modernisieren. Zu diesem Zweck sollte Dr. Décsy zum Vorsitzenden und mancher Student, u.a. ich, der ich Finnougristik im Hauptfach studierte und die linke Hand Décsys war, zumVorstandsmitglied gewählt werden.

   Im Herbst 1962 waren im Verein Vorstandswahlen fällig, so fing man auch gleich an, in der Mitgliedschaft, vor allem freilich in den Kreisen der 56-er, um die Unterstützung Décsys zu werben. Dies gelang auch so gut, dass an der Wahlversammlung die alten Mitglieder samt ihren Repräsentanten angesichts der vielen neuen wildfremden Mitglieder erkennen mussten, dass sie hoffnungslos in der Minderheit waren. Obendrein waren sie auch bildungsmäßig im Nachteil. Sie fühlten sich regelrecht umzingelt. Als nach erfolgter Wahl die Stimmen ausgezählt wurden, kam es zu einem gewaltigen Krach. Die Alten schrieen sich ihre Empörung im Fortissimo aus dem Leib, während die neuen, ebenfalls schreiend, verzweifelt die Ruhe wiederherzustellen suchten. Zehn oder zwanzig Minuten hörte man nichts als ohrenbetäubenden Lärm, bis Gyula Décsy, der die ganze Zeit stumm dagesessen hatte, aufstand und in aller Ruhe vorschlug, die Wahl mit erweitertem Kandidatenkreis zu wiederholen.

   Zum Glück verstanden alle sofort, worum es ihm ging, nämlich darum, dass legitimerweise auch die Alten im Vorstand vertreten sein sollten. Er wollte eine Art Koalition, freilich unter seiner Präsidentschaft und das gelang ihm auch. In der Folgezeit gab es eine ruhige und harmonische Zusammenarbeit, denn der Verein hatte genug Ziele und Aufgaben, in deren Beurteilung zwischen alten und neuen Mitgliedern Konsens herrschte.

   Im Sommer 1963 erlebte ich so etwas wie den Willkommensgruß meiner Wahlheimat. Es geschah in einem Hörsaal des neu erbauten Philosophenturms. Die Sache hatte überhaupt nichts mit Aufstand und Flucht zu tun, nur mit mir selber, als einem ausländischen Ankömmling in einem nur von deutschen Teilnehmern besuchten germanistischen Seminar. Dessen Direktor, Professor Adolph Beck, bot noch vor Beginn des Semesters  – es war mein zweites  – die kritische Untersuchung eines gerade erschienenen einschlägigen Buches als Referat-Thema an. Drei Interessenten meldeten sich, und einer davon war ich. Als dann die Referate von den Assistenten bzw. vom Professor gelesen worden waren, folgte die öffentliche Besprechung. Professor Beck, der konservative Hölderlinforscher um die Mitte Fünfzig, insgesamt eine gewinnende Persönlichkeit  – „Papa Beck“ nannten ihn die Studen- ten untereinander  – meldete am Lesepult stehend, mit einer Prise Feierlichkeit, dass drei gleich gute Referate eingereicht worden seien, darunter eines von einem ungarischen Teilnehmer. Die Vergleichbarkeit dieser Arbeit mit den deutschen schien ihn etwas überrascht zu haben. Ich selber war aus dem entgegengesetzten Grund überrascht, denn ich hatte schon eines der anderen Referate gelesen und gesehen, dass es eine brillante Arbeit war, verfasst von einem Kommilitonen, der im Hauptfach Musikwissenschaft studierte. Von „gleich gut“ konnte da keine Rede sein, ich dachte, der sympathische Professor wolle mir, dem Neuling, sicherlich nur Mut machen. Ich erinnere mich, dass er, an die gesamte Zuhörerschaft gewandt, von diesem Ungarn sprach, der zu uns gekomen war. Dieses „zu uns“ hat mich irgendwie gerührt, es war für mich nicht nur eine freundlich ausgestreckte Hand, ich sah darin auch einen Ausdruck des deutschen Wir-Gefühls, dem man in jener Zeit nur selten begegnete. Ich war sehr erfreut und ließ mich von der Überlegung nicht beirren, dass das „Wir“ möglicherweise gar nicht alle Deutschen, sondern nur das Kollektiv des Frühromantik-Proseminars meinte.

   Zum Vorlesen wurde freilich die Arbeit des Musikwissenschaftlers ausgewählt.

   Décsy führte den Verein nur eine Wahlperiode lang, seine zahlreichen wissenschaftlichen Projekte ließen eine solche Nebenbeschäftigung auf die Dauer nicht zu. Während der vier Jahre seiner Präsidentschaft gab es immerhin viele anspruchsvolle Veranstaltungen in der Agnesstraße. Nicht nur er und der andere ungarische Professor in Hamburg, der Japanologe Géza Dombrády, hielten aufschlussreiche Vorträge. Auch Studenten taten es und referierten über Themen, mit denen sie in ihrem Studium in Berührung kamen und ihren geistigen Horizont erweitern konnten. Aus ihren Ausführungen konnte man sogar eine Art Paradigmen- wechsel ihrer Denkweise, eine Modifizierung ihres aus der Heimat mitgebrachten eng-nationalen Wertesystems heraushören.

   Ein neues und bewegtes Kapitel der Vereinsgeschichte nahm seinen Anfang, als die Verbindung mit der Katholischen Akademie zustande kam. Den Startschuss gab dazu im Herbst 1977 ein außergewöhnlicher ungarischer Film, der im Abendprogramm des ZDF gelaufen war. „Ein ganz gewöhnliches Leben“ stellte eine originelle Variante der modernen Dokumentarfilmgattung dar, indem er eine einsam lebende alte ungarische Bäuerin in ihrem Alltag mit einer erstaunlichen Sensibilität sozusagen „abfotografierte“. Dr. Günter Gorschenek, der damals noch neue Direktor der Akademie, sah den Film, war tief beeindruckt und beschloss sofort, ihn nicht nur auf das Programm der Akademie zu setzen, sondern auch die beiden Regisseure sowie weitere Ungarn zur Vorführung und Diskussion einzuladen. Und zwar aus Ost und West. Daraus wurde eine überaus anregende und erfolgreiche Veranstaltung, wie sie sich in Verbindung mit den später gedrähten Filmen der beiden –  inzwischen mit dem Adolf Grimme Preis ausgezeichneten –  Regisseure, Imre Gyöngyössy und Barna Kabay, wiederholen sollten. Und diese Programmfolge war nur der Beginn: der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen den Hamburger Ungarn und der Katholischen Akademie. Denn in den nächsten Jahren gab es immer wieder literarische und künstlerische Veranstaltungen unter Mitwirkung von prominenten Hamburger Schauspielern, wie Jochen Steffen, Werner Hinz und Dietmar Mues, die aus Werken (oft auch anwesender) ungarischer Autorinnen und Autoren lasen, die ja alle immer auch Logigäste der Akademie waren. Es gab außerdem philosophische, theologische und politische Vorträge und Diskussionen, manchmal nicht ohne Brisanz, es gab Filmvorführungen im kommunalen Kino, einmal war auch der Oscarpreisräger István Szabó dabei, es gab Ausstellungen und Konzerte.

   Zu Beginn der achtziger Jahre entstand bei einigen ungarischen Damen und Herren in Ham- burg, zu denen mittlerweile auch etliche neuere und jüngere Migranten gehörten, spontan eine Initiative zur Bildung eines Gesprächskreises. Sie wollten ohne jeglichen formellen und orga- nisatorischen Rahmen gelegentlich zusammenkommen und sich, fernab den üblichen poli- tisch-ideologischen Wortfechtereien, ihre Gedanken austauschen. Im Rahmen des regulären Vereins ging das nicht, zumal dort damals die Vorstandsmitglieder gegeneinander prozessier- ten, was auch bald zur Spaltung des Vereins führte. So entstand, überraschend schnell, eine lockere aber ambitionierte Gruppe, die einmal im Monat in einem von Hochwürden Czódor in Poppenbüttel zur Verfügung gestellten Raum zusammentraf und den Ausführungen eines geladenen Fachmannes oder eines kompetenten Mitgliedes lauschte. Selbst in Ungarn horchte man auf und versuchte mit uns zu kooperieren, was wir aber nicht wünschten.

   Pfarrer Czódor war ein alter Emigrant, ein Konservativer, der aber jede Bestrebung nach höherem Niveau schätzte. Er wollte den Hamburgern ein sympathisches Bild von Ungarn bieten. Deshalb hieß er uns willkommen in Poppenbüttel, und deshalb betrieb er auch gegen Ende der achtziger Jahre energisch die Reorganisation der heillos zerstrittenen alten Verei- nigung. Kurz vor seiner Pensionierung, also der Aufgabe des Pfarramtes, bat er den Orthopä- den Dr. György Reisinger, ein Mitglied des Gesprächskreises, die nötigen Schritte zu unter- nehmen. Dieser mit gutem Gespür ausgesuchte Beauftragte erledigte die Aufgabe vorbildlich, allerdings mit der unvermeidlichen Konsequenz, dass der lockere Gesprächskreis aufhörte selbständig zu existieren. Dieser Verlust wurde dadurch weitgehend kompensiert, dass der kurze Zeit später neu ernannte ungarische Honorar-Generalkonsul in der Hansestadt, Profes- sor Dr. Helmut Grewe, in seinem imposanten Firmensitz, AlsterCity genannt, unseren Raum- bedarf großzügig befriedigte. In diesen Räumen finden nun seit 1995 unsere diversen Veran- staltungen statt.

  In den ersten acht Jahren der AlsterCity-Zeit war es Ádám Szily, der als Erster Vorsitzender die Vereinigung erfolgreich gemanagt hat, seitdem tut es Miklós Kulin, der wie der erste Prä- sident vor 100 Jahren, Graf Logothetti, aus Klausenburg stammt. Die Programmgestaltung folgt auch im neuen Rahmen dem alten „Poppenbütteler Modell“, d.h. man lädt weiter kom- petente, gelegentlich prominente Referenten ein, etwa Péter Esterházy oder Klaus von Dohna- nyi. Drei Jahre bevor er Regierungschef wurde, weilte auch Viktor Orbán in der AlsterCity. Dank den räumlichen Möglichkeiten lassen wir auch Musiker- oder Tanzgruppen auftreten, machen Lesungen oder zeigen Spiel- bzw. Kulturfilme. Wie ich es schon angedeutet habe, üben Diaspora-Vereine im Allgemeinen keine große Anziehungskraft aus, wir freuen uns schon, wenn mehr als 30 Leute zusammenkommen. Die Zahl der in Hamburg lebenden Ungarn können wir höchstens schätzen, da sehr viele längst eingebürgert sind und in den Sta- tistiken gar nicht erscheinen. Die Statistik weiß gegenwärtig von 665 ungarischen Staats- bürgern in der Hansestadt.

   Die zahlreichen einzelnen Ankömmlinge, die seit den 70er Jahren in der Hansestadt lande- ten und den Weg zu uns fanden (und mittlerweile die Mehrheit der aktiven Mitglieder bilden), sind mit den 56ern nicht zu vergleichen, besonders seit der großen Wende nicht. Sie sind keine Flüchtlinge, sie haben Arbeitsverträge, sind Geschäftsleute, Aupair-Mädchen oder Studenten. Sie haben ihre Fahrkarte selber bezahlt, kamen nicht gruppenweise und wurden nicht mit Schokolade und Apfelsinen beworfen. Sie sind Einzelkämpfer, auch wenn viele von ihnen aus dem heute rumänischen Siebenbürgen kommen und durch einen hohen Grad lands- männischer Solidarität miteinander verbunden sind.

   Wir haben uns also in den vergangenen 20-30 Jahren ziemlich verändert, unsere Wahl- heimat nicht weniger. Eines aber steht fest und mit dieser Feststellung darf ich schließen: Selbst wenn die eingangs erwähnte Story über die Auswanderer nicht stimmt, diejenigen, die damals gesagt haben sollen, hier lässt sich leben  – sie hatten recht.